Die Akteure vor der Lamberti-Sakristei: Pfarrer Mustroph, Dechant Hagemann, Pfarrer Kandzi, Pfarrer Dr. Winner, Annethres Schweder und Pfarrerin Klausmann. Foto: Hartmut Paul

"Gemeinsam unterwegs" in Münster und im Münsterland


Ökumenischer Stationenweg zum Reformations-Jubiläumsjahr am 20. Januar

Es war ein ungewohnter Anblick für einen Freitagnachmittag in der belebten Altstadt von Münster. Ein langer Zug von Menschen mit brennenden Kerzen in den Händen, vor dem Wind geschützt in kleinen Bechern, zog über den Drubbel. Die Lichterprozession von Sankt Lamberti hin zur Apostelkirche am 20. Januar gehörte zum lokalen ökumenischen Auftakt des Reformations-Jubiläumsjahres 2017.Mit diesem Fußweg wurde das Motto des Gottesdienstes "Gemeinsam unterwegs" ganz wörtlich genommen. Realisiert wurde es für die Stadt und den Kirchenkreis von einer Arbeitsgruppe mit Stadtdechant Jörg Hagemann und Lamberti-Pfarrer Dr. Ludger Winner von katholischer Seite, evangelischerseits mit Regionalpfarrer Martin Mustroph, Apostel-Pfarrer Heinrich Kandzi und der Katholika-Beauftragten Pfarrerin Andrea Klausmann sowie Annethres Schweder, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) Münster.

Ein ökumenischer Gottesdienst als Stationenweg - er begann mit feierlichem Einzug um 16 Uhr in der voll besetzten Stadtkirche St. Lamberti. Als Leitfaden führte die Erzählung von den Emmaus-Jüngern aus dem Lukasevangelium durch die kommenden zwei Stunden. Die sechs Liturgen und Dialogpartner konnten darin die Krisen und Brüche, aber auch Hoffnungen und Gewissheiten für den Weg der Kirchen 500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag wiederfinden. Überschrift der 1. Station: "Die Gemeinschaft zerbricht".

Die Gemeinschaft der Jünger Jesu verlor nach dem Karfreitag den Zusammenhalt, so wie die zwei Männer, die sich fluchtartig in Richtung Emmaus aufmachten. Geschah es nicht ähnlich in der Reformation? Der Stadtdechant verschwieg nicht das Bedauern über den Verlust der Einheit der Kirche, der mehr war als nur eine Einbuße an Macht, sondern auch ganz Europa aufwühlte und spaltete. Doch gab sein Gegenüber Mustroph zu bedenken, dass die Kirche von Anfang an immer eher vielfältig bunt als uniform war. Auch wollten die Reformatoren den Leib Christi heilen und nicht zerteilen. Doch immer noch werde den Evangelischen das Kirche-Sein vom Vatikan abgesprochen. Man wolle aber nicht mehr hinter das Erreichte zurück, wozu auch die Ordination von Frauen als Folge des Priestertums aller Gläubigen gehört. Aus dem Dialog im Altarraum von Lamberti sollte jedoch kein Streit der Konfessionen werden. Viele Unterschiede seien doch recht menschlich, räumte Hagemann ein. Beide Kirchen hätten sich im Lauf der Zeiten auseinandergelebt, seien selbstzufriedene und behäbige Institutionen. Leiden wir wirklich an der Trennung?, fragte er. Die 1. Station schloss mit Bitten um Einheit - eines der Gebete sogar vom Genfer Reformator Calvin - und Kyrie-Rufen der Gemeinde.

Die 2. Station "Miteinander unterwegs" führte die Sprecher in den hinteren Kirchraum: Jesus mischt sich auf dem Weg nach Emmaus als Mitwanderer unerkannt in das traurige Gespräch der beiden Jünger ein. Er erklärt ihnen, was sie selbst nicht begreifen. Das Hören auf ihn, das "Christus allein" der Reformation -, es sei nötig auch für das Gespräch der Christen heute, sei daraus zu folgern. Die Strukturen seien hohl, wenn wir uns nicht an den Gekreuzigten hielten. Doch wir sind hier in Münster gut auf dem Weg, betonte Mustroph. Für die ACK-Vorsitzende war das die Überleitung, sich auf den Weg zur nahen evangelischen Schwesterkirche zu machen, symbolisch für den gemeinsamen Glaubensweg. Die Gemeinde in den Bänken stimmte sich ein mit dem 23. Psalm vom guten Hirten, dem man sich auch auf unwegsamem Strecken anvertrauen kann. Dann gingen die Kerzen durch die Reihen, wurden entzündet, und es folgte der Aufbruch aller hin zur Apostelkirche - siehe oben. Hier war nun der Ort der 3. Station mit der Überschrift "Innehalten".

Apostel-Pfarrer Kandzi blieb im Mittelgang stehen, stimmungsvoll umgeben von den Kerzenlichtern in den Bänken. Er zeigte auf das Taufbecken an der Seitenwand: die Taufe, meist am Anfang unserer Lebenswege, das für Christen beider Kirchen das verbindende Sakrament. "Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden..." las Annethres Schweder die Bitte der Jünger aus der Emmaus-Erzählung, was die vereinte Gemeinde dann unter Leitung von Apostel-Kantor Vetterin in den bekannten Kanon umsetzte. Nun hätte mit dem Lukas-Text eigentlich ein gemeinsames Abendmahl folgen müssen, wie auch die Jünger erst beim Brechen des Brotes im Gasthaus zu Emmaus den auferstandenen Herrn erkannt hatten. So weit kam es in der Apostelkirche nun nicht. Doch sei es wunderbar, das 500-jährige Reformationsjubiläum als einladendes Christusfest zu feiern. Denn trotz all unserer Verschiedenheiten sei Christus mit auf dem Weg, bekräftigten Regionalpfarrer und Stadtdechant.

Die Emmaus-Wanderer im Evangelium kehrten mit österlich frohgemuter Gewissheit wieder in die Gemeinschaft der Jünger zurück. Daraus ergibt sich nun: "Notwendiges tun mit Christus." So die 4. und letzte Station. Gemeinsames Tun in Freiheit beginne dort, wo man sich gegenseitig ehrlich auch vom Scheitern erzählt, fasste Hagemann zusammen. Christus selbst baue sich seine Kirche in seinem Geist, im Geist der Liebe - so Mustroph -, und der wehe, wo er will. Und das ist gut so, schloss der Stadtdechant kurz und knapp. "Er lasse uns Geschwister sein, der Eintracht uns erfreuen..." sang die Gemeinde mit dem letzten Ö-Lied, bevor die Orgel mit einem gewaltigen Bach-Präludium das allerletzte Wort hatte.

Schluss war dann jedoch noch nicht in der Apostelkirche. Das Team lud ein zu einem herzhaften Imbiss im Kirchraum, denn für das angesprochene Tun des Notwendigen in der lokalen wie weltweiten Ökumene der Gegenwart braucht es eine Wegzehrung. Auch wurde zum Ende dieses evangelisch-katholischen Einstiegs ins Jubiläumsjahr 2017 zu den nächsten ökumenischen und dann auch multi-konfessionellen Festivitäten in der Stadt eingeladen: mit der ACK Münster am 18. März und mit Präses Kurschus und Bischof Genn überregional am Pfingstmontag auf dem Domplatz.

Der Stationenweg unter dem Leitwort "Gemeinsam unterwegs" wurde im Januar auch andernorts begangen: in Coesfeld, Bocholt und Rheine. Bei einem ihrer regelmäßigen Treffen ließen sich die Superintendenten und Dechanten des Münsterlands zu dieser gemeinsamen Aktion in der Region inspirieren.

Noch einmal zurück zum Stationenweg von Lamberti nach Apostel. Beim Verlassen der Apostelkirche kam man an einer der 30 weißen Luther-Plastiken vorbei, die sich seit dem Reformationstag 2016 über das ganze Münsterland verteilen. Der auf der kalten Wiese etwas verloren dastehende Reformator, der zuvor einmal sehr römisch-katholisch war, - er wäre nach 500 Jahren an diesem Freitagabend wohl gern mit unterwegs gewesen. (Hartmut Paul)

 
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