Sally Perel im Online-Zeitzeugen-Gespräch mit Schülern.

Lasst euch nicht verführen!


Digitales Zeitzeugengespräch mit Sally Perel

Gebannt hört die Schülerschaft ihrem Gegenüber zu. Der Redner ist Sally Perel, Zeitzeuge der dunklen Jahre Deutschlands während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Die Schülerschaft dieses vom Schulreferat im Jugend- und Bildungswerk des Evangelischen Kirchenkreises Münster mit organisierten und von Schüler*innen der Johannes-Gutenberg-Realschule Hiltrup moderierten Zeitzeugengespräches sitzt in insgesamt 34 Klassenräumen an 13 verschiedenen Schulen.

Es ist der 22.6.2021 um 10:00 Uhr deutscher Zeit, an dem der 96 Jahre alte Sally Perel an seinem Laptop in Israel zu den Münsteraner Jugendlichen zu sprechen beginnt - online, im Webinar. 80 Jahre zuvor - ein ganzes Leben gewissermaßen - hatte die Wehrmacht am 22.6.1941 ihren Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion im "Unternehmen Barbarossa" gestartet. Und Sally Perel ist ein Mann, der heute noch aus erster Hand erzählen kann, wie sich Krieg, Hass und nationalsozialistische Erziehung "ganz echt" anfühlen. Denn er vereint beide Perspektiven in seiner Person: Die des verfolgten, ständig von Entdeckung und Tod bedrohten Juden. Und die des Hitlerjungen, in dessen Uniform er schlüpft, getarnt unter der falschen Identität eines 'Volksdeutschen'.

Seine Friedensbotschaft heute an die Jugend ist, dass sie aus den Erfahrungen der Vergangenheit für ein friedliches Handeln in der Zukunft lernen möge, denn "dazu ist Geschichte da: Um aus ihr zu lernen. Um in der Gegenwart richtiger zu handeln. Um nicht dieselben Fehler zu wiederholen."

Tiefgehende Fragen kommen auf. So zum Beispiel, ob der Zeitzeuge mit seiner Lebenserfahrung überhaupt noch an Gott glauben könne, wo Gott im Vernichtungslager Auschwitz bei den Menschen gewesen sei, ob es für ihn als jüdischen Jungen echte Freunde in der Hitlerjungenschule überhaupt habe geben können. Ein weiteres Dilemma ist die Frage nach der "Lüge, um zu überleben." Und Sally Perel beantwortet diese Fragen für seine jungen Zuhörer sehr intensiv. Denn "solange mich meine Schuhe tragen, werden ich erzählen von den 1,5 Millionen verbrannter Kinder in Ausschwitz, und ich möchte euch impfen mit den Tränen dieser verbrannten Kinder gegen die neue braune Gefahr, die sich in Deutschland auftut." Durch den Zeitzeugen sind Geschichte und Gegenwart mit einem Mal ganz nah greifbar.

Der lebenserfahrene Perel lässt keine gestellte Frage der Schüler unbeantwortet. Dennoch bleiben am Ende des Gesprächs zahlreiche weitere Fragenkarten aus verschiedensten Klassenräumen aus Münster und Umgebung unausgesprochen auf dem Tisch, weil sie zeitlich nicht mehr unterzubringen gewesen sind. Das bedauert nicht nur einer der jugendlichen Akteure von der Johannes-Gutenberg-Realschule Hiltrup (JGRH), Luca Schreur.

Kurz vor dem Ende des Gesprächs zwischen den Generationen erscheint noch eine Überraschung für den Zeitzeugen auf den Monitoren. Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe hat eine Ehrung von Sally Perel für dessen unermüdliche, dreißigjährige aktive Friedensarbeit vorbereitet und nun das "Silberne Rathaus" der Friedensstadt Münster im Beisein zahlreicher Schüler*innen verliehen. Im kommenden Schuljahr wollen Sally Perel und Tobias Hoppmann von der JGRH wieder zu einem Gespräch mit der Schülerschaft zusammenkommen und der Zeitzeuge hat versprochen, "jetzt bis 119 machen" zu wollen.

Finanziell unterstützt wurde das Zeitzeugengespräch, das von Tobias Hoppmann, Lehrer an der Johannes-Gutenberg-Realschule Hiltrup, seit vielen Jahren federführend organisiert wird, vom Regionalbüro Westfalen der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Dr. Jens Dechow, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreis Münster, betonte nach der Veranstaltung die besondere Chance, die im Format des Webinars liege: "Wann sonst gelingt es uns, fast 800 Schüler*innen unterschiedlichster Schule mit einem Zeitzeugen aus Tel Aviv zusammen zu bringen?", freute er sich über die eindrückliche Veranstaltung.

Sally Perel gab den Schüler*innen abschließend zwei Wünsche mit auf ihren Lebensweg: "Kritisch denken. Lasst euch nicht verführen durch Parolen." Und: "Immer lieben - und keine Kriege im Kopf haben. Das wünsche ich euch."

 
RSS-Feed abonnieren

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Internetseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen zu unserer Verwendung von Cookies sowie Datenschutz finden Sie unter Datenschutz.

OK