„Die jungen Menschen sind unsere Gegenwart"


30-jähriges Dienstjubiläum - Dieter Schönfelder fordert Investitionen und Qualitätssicherung in der Jugendarbeit.

Münster/ Dieter Schönfelder ist ein „Urgestein" der evangelischen Jugendarbeit in Münster. Am 1. September feiert der Geschäftsführer des Jugendreferats des Ev. Kirchenkreises Münster sein 30-jähriges Dienstjubiläum. 1956 in Velbert geboren, ist Schönfelder mit der Jugendarbeit groß geworden und war ab 1981 zunächst 19 Jahre lang für die offene Jugendarbeit im Dietrich-Bonhoeffer-Haus sowie die Jugendarbeit beim früheren Jugendpfarramt des Kirchenkreises Münster zuständig. Zwischenzeitlich wurde er nebenamtlicher, ab dem Jahr 2000 hauptamtlicher Geschäftsführer des Jugendpfarramtes und des dann neu geschaffenen Jugendreferates. Wie hat sich die evangelische Jugendarbeit in den letzten 30 Jahren verändert, und wo steuert sie hin? Darüber sprach UK mit Dieter Schönfelder.

Herr Schönfelder, offen gefragt: Sind Sie nicht eigentlich zu alt für Jugendarbeit?

Ich werde demnächst Großvater, und Sie haben recht: Ich habe tatsächlich keine Lust mehr, in kurzer Hose hinter einer Theke zu stehen und Cola zu verkaufen. Aber auch in meinem Alter kann man noch sehr gut die Interessen von Kindern und Jugendlichen anwaltschaftlich vertreten. Ich habe keine Zweifel, dass ich damit die nächsten Jahre sinnvoll verbringen werde.

Wenn Sie an die Zeit zurückdenken, als Sie 1981 anfingen: Was ist da der Hauptunterschied zu heute?

In den 80er Jahren gab es keine Geldnot in der Kirche, und die Jugendarbeit wurde in der Fläche breiter aufgestellt. Es gab mehr Fachkraftstellen im pädagogischen Bereich, und wir haben die offene Jugendarbeit damals etabliert, die wir inzwischen weiterentwickelt und ausgebaut haben.

Was war damals die Hauptsäule der Jugendarbeit?

Das waren sicher u.a. unsere Jugendfreizeiten. Noch heute, Jahrzehnte später, sprechen mich Leute darauf an, die durch solche Freizeiten geprägt worden sind und dadurch ein positives inneres Verhältnis zur Kirche gewonnen haben. Das Zauberwort hieß damals „Gemeinschaft". Eine solche Jugendfreizeit bietet „unbezahlbare Augenblicke“ mit Freunden und in der Clique, und so etwas schreibt sich fort. Auch heute stehen Jugendfreizeiten noch hoch im Kurs.

Grundsätzlich waren die Interessen der Jugendlichen in den Zeiten der Großdemonstrationen gegen Atomkraft und NATO-Nachrüstung aber doch ganz andere....

Wie Sie schon andeuten, war die Jugendarbeit damals politischer. In den 80er Jahren wurden die Kirchentage zum Selbstläufer, während die Zahlen vorher eher bescheiden gewesen waren.

Ist für Sie selbst die politische Motivation am wichtigsten?

Ich arbeite aus einer politischen und religiösen Motivation heraus und betone stets: Der Mensch steht bei der kirchlichen Jugendarbeit im Mittelpunkt. Wir wollen voraussetzungslos für junge Menschen da sein, egal ob sie evangelisch sind oder nicht oder gruppenfähig sind oder nicht. Weil Gott sie voraussetzungslos angenommen hat, können Jugendliche zu uns kommen.

Ist der Konfirmandenunterricht damals wie heute ein Anknüpfungspunkt?

Nach wie vor kommen 90 Prozent aller evangelischen Jugendlichen in den Konfirmandenunterricht. Das zeigt die hohe Akzeptanz und eine Riesenchance, aber viele sehen wir danach nicht wieder. Als kirchlicher Unterricht, der sozusagen den Lehrstoff der Schule religiös ergänzt, hat der Konfirmandenunterricht keine Chance. Wir müssen stattdessen bei der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ansetzen, ihrem Gottes-, Glaubens- und Kirchenverständnis. Sie müssen erleben, dass man in und mit der Kirche Spaß haben kann. Deshalb haben wir im Jahr 2002 die Konfi-Camps ins Leben gerufen und waren damit unter den Pionieren in Westfalen. Für die Zukunft ist es weiter wichtig, Konfimanden- und Jugendarbeit zusammenzusehen und miteinander zu verschränken.

Inwieweit machen die veränderten Zeiten an den Schulen Ihnen zu schaffen?

Durch die Ganztagsschule wird das Freizeitverhalten drastisch verändert. Früher waren der Dienstag und der Donnerstag die klassischen Konfirmandentage, heute droht der Schulalltag die Nachmittage zu überrollen. Der Unterschied zwischen Pflicht - der Schule - und Freiwilligkeit - der Freizeit in der evangelischen Jugendarbeit - geht verloren. Hinzu kommt, dass viele Schulen den Jugendlichen auch lukrative Angebote machen.

Sie haben einmal angedeutet, dass die Stadt Münster bereit wäre, die nachmittäglichen Maßnahmen - wie Übermittagsbetreuung und Ganztagsangebot - an freie Träger abzugeben. Bewegt sich da etwas?

Die Schule bestimmt nach wie vor als Träger den Ganztagsbetrieb, aber es wäre ja beispielsweise möglich, dass freie Träger wie wir einen Teil des Programms übernehmen und unsere Aktivitäten ausbauen. Die Jugendarbeit muss jedenfalls versuchen, in den Schulalltag hineinzukommen.

Welche Rolle spielen die modernen Medien für die Jugendlichen? Sind Sie eine Konkurrenz zu Ihrem Angebot?

Die Rolle, die die Medien heute spielen, ist einer der großen Unterschiede zu den 80er Jahren. Damals waren sie Werkzeug und eher Last, heute sind sie Spielzeug und Freizeitbeschäftigung. Allerdings beobachte ich, dass Jugendliche nicht nur zu Hause vor dem Computer sitzen, und ich bin auch davon überzeugt, dass Verbote das Problem nicht lösen. Wir ermöglichen ihnen in unseren Internetcafés, kontrolliert den Umgang mit Computer und Internet zu lernen. Unser Ziel ist, dass sie in Gemeinschaft Medienkompetenz entwickeln.

Welche Auswirkungen hat der Missbrauchsskandal des vergangenen Jahres auf Ihre Arbeit?

Seitdem denken wir intensiv über Kindeswohlgefährdung nach, was vor ein paar Jahren noch überhaupt kein Thema war. Wir haben uns mit den katholischen Kollegen, mit denen wir eine wunderbare Partnerschaft pflegen, getroffen und mit ihnen intensiv besprochen, welche Auswirkungen das auf die Jugendarbeit hat. Als wir eine Schulung für das Verhalten in diesem sensiblen Bereich angesetzt haben, haben sage und schreibe 80 Jugendliche daran teilgenommen; wir hatten nur mit etwa 20 gerechnet.

Machen Sie sich Sorgen im Hinblick auf die Zukunft?

Wir sind im Kirchenkreis Münster gut aufgestellt. Vor einigen Jahren haben wir unsere Arbeit inhaltlich neu ausgerichtet und eine Regionalisierung durchgeführt, um in den Gemeinden präsenter zu sein. Das heißt: Unsere Jugendreferenten sind in ihre Regionen Münster, Warendorf und Lüdinghausen gezogen. Auch unsere Finanzen sind mittlerweile nicht in Frage gestellt. Das große Problem besteht darin, dass wir demographisch absacken. Es gibt insgesamt weniger Kinder und weniger Taufen, und der natürliche Nachwuchs wird weniger. Für mich bedeutet das, dass wir antizyklisch für unser wirklich gutes „Produkt“ Jugendarbeit werben und seine Qualität vorantreiben müssen.

Hat das für sie konkrete Folgen?

Wir brauchen eine Personalentwicklungsplanung, damit pägagogische Planstellen gesichert und ausgebaut werden, und wir benötigen neben dem personellen auch ein vernünftiges Raum-Angebot. Was wir den Jugendlichen da manchmal in unseren Gemeindehäusern anbieten, ist durchaus steigerungsfähig. Wir müssen viel mehr in unser Erscheinungsbild, in Räume und Inneneinrichtungen investieren, um Jugendlichen zu zeigen, was sie uns wert sind. Kinder und Jugendliche sind nämlich nicht unsere Zukunft, sondern unsere Gegenwart.

Interview: Gerd Felder

 
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