Ein Jahr Superintendent Ulf Schlien


Vor einem Jahr, am 2. Februar 2018, ist Ulf Schlien als neuer Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Münster eingeführt worden.Was waren seine Erfahrungen und was sind seine Ziele nach diesem ersten Amtsjahr ?

Herr Superintendent Schlien, Sie kommen aus der Nähe Münsters und hatten zuvor schon viel Leitungserfahrung. Was war für Sie in diesem ersten Jahr trotzdem die größte Umstellung?

Dass ich Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Münster werden konnte, betrachte ich heute wie damals als glücklichen Zufall. Trotzdem gibt es zwischen Leiten und Leiten einen Unterschied. In jedem Umfeld und in jedem Kirchenkreis gibt es eigene Herausforderungen, die sich voneinander unterscheiden. Der Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken ist eher ländlich geprägt, während im Kirchenkreis Münster das Oberzentrum Münster eine große Sogwirkung auslöst. Auch ist das hier noch mal eine ganz andere Hausnummer von der Gewichtung und Fülle der Termine wie von der Vielfalt der Gesprächspartner her.

Sie halten das Superintendenten-Amt für sehr wichtig, können aber Ihrer Pfarrerschaft keine dienstlichen Anweisungen geben und sie auch nicht versetzen. Was ist das Charakteristikum dieses Amtes?

Das ist ein Aufsichts-Amt mit hochverantwortlichen Aufgaben, das allerdings von den Möglichkeiten der Veränderung her erheblich eingeschränkt ist. Ich empfinde das aber nicht als störend. Ich bin auf die Herstellung des Konsenses, auf das Miteinander angewiesen und halte dieses synodale Verständnis für eine zukunftsnotwendige Herausforderung.

Dazu passt, dass Sie bereits bei Ihrem Amtsantritt betont haben, dass Sie kein Alleinunterhalter oder -entscheider seien, sondern dass Ihnen das Moderieren und Mitnehmen von Menschen, die Partizipation viel bedeuteten. Haben Sie das nach eigener Einschätzung durchhalten können? Ich hoffe sehr, dass ich meiner Linie treu geblieben bin. Ich habe selbstverständlich Vorstellungen und Ideen, will sie aber nicht durchprügeln oder durchpeitschen, sondern überzeugen. Andererseits weiß ich auch um die Herausforderungen und Sachzwänge, vor denen wir stehen. Ich will aber nicht zugleich der Impuls- und der Antwortgeber sein.

Präses Annette Kurschus hat Sie bei Ihrer Amtseinführung als „gut sortiert“ bezeichnet, Sie selbst sagen, dass Sie gern strukturiert und zielorientiert vorgehen. Hat sich das im ersten Amtsjahr immer umsetzen lassen?

Ohne Struktur gehen Sie bei der Vielfalt der Aufgaben eines Superintendenten unter. Es kommt entscheidend darauf an, die richtigen Ziele zu identifizieren und zu sehen, inwiefern sie mit dem, was ist, zusammenpassen. Treiben lassen will ich mich nicht, aber es kommt mir auf eine gute Verbindung von Strukturiertheit und Herzlichkeit an. Als Pfarrer in der Diaspora hat man das Umgehen mit Überraschungsmomenten gelernt.

Die evangelische Kirche steht – auch im Münsterland – vor großen Veränderungen. Inwiefern spüren Sie das trotz sprudelnder Kirchensteuer-Einnahmen bereits? Lässt sich die Beteiligungskirche, die Sie sich wünschen, weiter entwickeln?

Die größten Veränderungen kündigen sich mit dem Lebensalter der handelnden Personen, dem Rückgang des Nachwuchses und der Schwierigkeit, Menschen für ein verantwortliches Ehrenamt zu gewinnen, an. Wir müssen unsere mangelnde Bindungsfähigkeit kritisch wahrnehmen. Manche Leute fühlen sich der Kirche traditionell verbunden, andere sind ihr grundsätzlich gewogen, wollen sich aber trotzdem nicht mit einer Kirchenmitgliedschaft in Verbindung bringen lassen. Dieses Zeitphänomen müssen wir wahrnehmen und nicht glauben, dass wir gegen den Trend wachsen könnten. Dem Zuwachs auf der einen steht immer auch eine Auswanderung auf der anderen Seite gegenüber. Wir waren auch lange Zeit zu sehr Versorgungs- statt Beteiligungskirche. Welche Quantität der Beteiligung wir qualitätsvoll schaffen können, das ist die große Frage.

Die Babyboomer auf den Pfarrstellen werden in den nächsten Jahren in Ruhestand gehen. Wie wollen Sie diesen Aderlass auffangen?

Tatsächlich müssen wir bis 2025 die komplette Stadt Münster neu besetzen. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance, genau hinzusehen, ob die Strukturen, in denen wir bisher gearbeitet haben, die richtigen sind. Der Superintendent hat die Freiheit, über den innerkirchlichen Blick, der in bestimmten Grenzen denkt, hinauszublicken. Wir müssen auch berücksichtigen, mit welchen Erwartungen, Sehnsüchten und Wünschen all die unterwegs sind, für die wir Sorge tragen. Ich bin zuversichtlich, dass sich immer Menschen finden werden, die wegen der Lebens- und Arbeitsperspektive hier gern in Münster arbeiten. Darüber hinaus gibt es in unserer Kirche zahlreiche Bestrebungen, den Nachwuchs zu fördern und Möglichkeiten des Quereinstiegs zu öffnen.

Was war für Sie das schlimmste und das erfreulichste Ereignis in Ihrem ersten Amtsjahr?

Als schlimmstes Ereignis fällt mir spontan die Amokfahrt in Münster am 7. April 2018 ein, die genau an dem Wochenende geschah, als ich gerade mit meiner Familie von Nordwalde nach Nienberge umzog. Die wohltuende, besonnene Traurigkeit, mit der Münster darauf reagiert hat, war etwas Besonderes. Im Rahmen meines Dienstes war das schlimmste Ereignis, dass ich den 33-jährigen Pfarrer Friedrich Greinke, den ich in Lüdinghausen ordiniert habe, vier Wochen später nach einem schrecklichen Urlaubs-Unfall beerdigen musste.

 Zu den erfreulichsten Erlebnissen zählten sicher der Katholikentag, dessen gelöste, friedliche Stimmung ich genossen habe, und die herzliche Aufnahme durch den katholischen Stadtdechanten Jörg Hagemann, aber auch viele spannende Begegnungen. Apropos Ökumene: Hat sie sich in Ihrem ersten Amtsjahr so dargestellt und entwickelt, wie Sie es sich vorgestellt haben? Oder gibt es da noch offene Wünsche? In dieser Hinsicht kann den Katholikentag natürlich nichts toppen. Aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten wie etwa Gedenkgottesdiensten und kurzfristigen Terminen gab und gibt es ein wohlmeinendes ökumenisches Miteinander und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Darüber bin ich froh, aber wir sehen alle, dass wir vielleicht noch pointierter arbeiten müssen. Die Ökumene auf der Ebene der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und jenseits davon wird immer wichtiger. Auch will ich die Kontakte zur jüdischen und zu den islamischen Gemeinden intensivieren. Ein Besuch in der Synagoge gehört zu den Dingen, die ich unbedingt nachholen muss.

Wie ist der Stand bei der Verwaltungsfusion der drei Kirchenkreise Münster, Steinfurt-Coesfeld-Borken und Tecklenburg?

Die Verwaltungs-Zusammenführung verläuft nicht reibungs-, aber weitgehend geräuschlos. Zu den Reibungen, die nie ausbleiben, gehörte, dass wir nach kurzer Zeit die Leitung der gemeinsamen Verwaltung neu besetzen mussten. Die Mitarbeitenden sind gut unterwegs, organisatorisch ist die Taktung bestens. Maßnahmen zur Teambildung, bei denen sie sich näher kommen, laufen. Mit Sorgen sehen wir die Explosion der Baukosten. Wir wollen noch in diesem Jahr anfangen, in Gievenbeck das gemeinsame Verwaltungsgebäude zu bauen, und warten derzeit auf das Ergebnis der Ausschreibungen. Ich gehe davon aus, dass das Gebäude Ende 2020 fertig sein wird.

Wenn Sie sich die verschiedenen Gemeinden, Einrichtungen und Dienste des Kirchenkreise anschauen: Wo besteht der größte Handlungsbedarf? Welchen Bereich haben Sie sich für die Zukunft besonders vorgenommen?

Da möchte ich kein einzelnes Arbeitsfeld herausgreifen, denn das würde der Vielfalt der Herausforderungen nicht gerecht. Wir müssen verlässlicher Antwortgeber für Menschen in verschiedenen Altersgruppen und Situationen sein. In unserer Zeit steht die Vergemeinschaftung im Mittelpunkt. Was ist in der Kirche unsere gemeinsame Vorstellung von Zukunft? Was ist es, was den Frieden ausmacht? Wo und wie erreichen wie eine gerechte Gesellschaft, die Menschen einbezieht und nicht ausgrenzt? Entscheidend ist, mit welchem Zielbild wir an diese gesellschaftlichen Fragen herangehen. Wir müssen der Vereinsamung und Vereinzelung entgegenwirken – egal ob in Diakonie, Jugendarbeit, Kirchenmusik oder Bildungsarbeit. Das ist unser Auftrag heute.

Das Interview führte Gerd Felder

 

 

 
RSS-Feed abonnieren

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Internetseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen zu unserer Verwendung von Cookies sowie Datenschutz finden Sie unter Datenschutz.

OK