Abschied nach 37 Jahren Gemeindearbeit, davon 30 Jahren in Münster und 12 Jahren in den Gemeinden Auferstehung und Handorf: Pfarrer Reinhard Witt. Foto: Gerd Felder

„Wir brauchen mehr Theologie“


Reinhard Witt nimmt Abschied - Prägender Seelsorger fühlt sich nach 37 Jahren Gemeindearbeit reich beschenkt

MÜNSTER - Reinhard Witt ist seit 30 Jahren einer der prägenden Pfarrer in Münster und seit zwölf Jahren Pfarrer der Auferstehungsgemeinde und der evangelischen Gemeinde Handorf, doch in diesen Tagen ist er in den Ruhestand gegangen: In Handorf und in der Auferstehungsgemeinde wurde er jeweils mit einem Gottesdienst verabschiedet. "Es war eine reiche, schöne und noch mal richtig runde Gemeindezeit", schwärmt der umgängliche Pfarrer. "Ich war hier gern Pastor und fühle mich reich beschenkt." Bei aller Wehmut sieht Witt aber auch den Freiraum, der sich ihm jetzt eröffnet, "und den werde ich füllen".

Geboren wurde Witt 1955 in Warendorf, wo er auch aufwuchs und das altsprachliche Laurentius-Gymnasium besuchte. Im Religionsunterricht führte er sehr angeregte Diskussionen mit seinem hochgebildeten Lehrer, entschied sich aber nach dem Abitur im Jahr 1974, erst einmal seinen Wehrdienst abzuleisten - in einer Zeit, in der viele, gerade aus christlicher Überzeugung, den Dienst an der Waffe verteidigten. "Ich war nicht gerne Soldat, aber ich stehe grundsätzlich auch heute noch zu meiner damaligen Entscheidung", erläutert der Pfarrer. "Außerdem löste sich für mich in dieser Zeit ein Knoten, denn ich kam zu der Erkenntnis: Pfarrer - das wäre ein Beruf für mich." So war der Wehrdienst bereits nach neun statt - wie vorgesehen - nach 15 Monaten für Witt beendet, und er ging im Sommer 1975 nach Münster, um dort Evangelische Theologie zu studieren. Drei Semester in der damaligen DKP-Hochburg Marburg, in denen Witt unter anderem im Studentenorchester Geige spielte und sich in der Fachschaft politisch engagierte, schlossen sich an. Im Sommersemester 1978 kehrte er nach Münster zurück, 1980 legte er das erste Examen ab. Für das Vikariat wünschte Witt sich "eine Gegend, in der alle evangelisch sind" - und kam nach Netphen, in eine katholische Enklave des Siegerlandes. Nach einem Jahr wechselte er nach Münster, wo er drei Semester lang als Studieninspektor im Hamannstift und parallel dazu in der Kirchengemeinde Sassenberg wirkte.

Im Jahr 1982 legte Witt das zweite Examen ab - und wollte irgendwohin, "wo es brennt". Letztlich aber wählte er das idyllische Nachrodt-Wiblingwerde, eine reformierte Gemeinde im Sauerland, um dort Pastor im Hilfsdienst zu werden. 1982 wurde er am selben Ort zum Pfarrer ordiniert und im Januar 1985 als Pfarrer eingeführt. Bis 1988 blieb er in dieser reizvollen Gegend, bevor es ihn wieder nach Münster zog. Er bewarb sich auf eine freie Pfarrstelle im zweiten Bezirk der Erlöserkirchengemeinde und wurde vor 30 Jahren, am 4. Juni 1989, dort eingeführt. Die Unterschiede zu der überschaubaren Dorfgemeinde mit zehn Prozent Gottesdienstbesuch und der Möglichkeit zu vielen klassisch-seelsorgerischen Hausbesuchen (Witt: "Das war Volkskirche pur") waren groß: In der von ihrer herausragenden Kirchenmusik und den markanten Predigten von Christoph Schmidt-Ehmcke und Richard Hilge geprägten, renommierten Stadtgemeinde kannte Witt am Anfang niemanden. "Ich habe aber den bewährten Gemeinde-Stil beibehalten und bewusst theologisch gearbeitet und gepredigt", unterstreicht der scheidende Pfarrer. "Das war eine intensive Tätigkeit in beiden Gemeindebezirken und darüber hinaus auch für das Jugendzentrum im Paul-Gerhardt-Haus und die Familienbildungsstätte." Parallel dazu wurde Witt 1989 Bezirksleiter der Luthergesellschaft, die mit interessanten, abwechslungsreichen Vortragsreihen wie etwa zum Thema Eschatologie die Menschen in den Bann zog. 1990 wurde der Pfarrer auch stellvertretender Vorsitzender der Zentralfriedhofskommission - "ein schönes Amt, in dem man etwas bewegen kann". Zwei Jahre später wurde er in den Aufsichtsrat des Evangelischen Krankenhauses (EVK) berufen, dessen Vorsitzender er von 2000 bis 2004 war.

2007 stand dann für Witt noch einmal ein großer Wechsel an, als er die beiden Gemeinden Auferstehung und Handorf übernahm. "Ich wusste, dass das 'nicht ohne' sein würde", urteilt der erfahrene Seelsorger. "Aber letztlich war die Entscheidung richtig." Auferstehung und Handorf seien "zwei liebenswerte Gemeinden, aber es waren und blieben zwei." Vieles habe sich allerdings im Laufe der Zeit eingependelt. Da es aber sehr schwer sei, den Spagat zwischen beiden Gemeinden hinzubekommen und eine Fusion am Ende nichts bringe, werde die pfarramtliche Verbindung zwischen Auferstehung und Handorf künftig nicht fortgesetzt werden. Stattdessen würden für beide Pfarrstellen Kandidaten gesucht, die zusätzlich noch in einer anderen Gemeinde oder in einem kreiskirchlichen Arbeitsbereich tätig seien.

Und was plant Witt für die Zukunft? Klar ist: Er bleibt in Münster wohnen und wird die Aufgaben beim Zentralfriedhof und beim EVK sowie bei zwei Stiftungen beibehalten. Außerdem will er weiter predigen und in den beiden Gemeinden noch etwas machen. "Ich kann mir auch eine Aufgabe im sozialen Bereich vorstellen", fügt er hinzu. Die wissenschaftliche Arbeit, etwa eine intensive, neue Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer und der Frage nach der Zukunft der Kirche, reizen ihn ebenfalls. "Die Säkularisierung und Schrumpfung der Volkskirche muss man erkennen, anerkennen und annehmen, weil das Gottes Weg mit uns ist", ist er überzeugt. "Der Kirche ist Ewigkeit verheißen, aber nicht in der Form, dass alle dazu gehören." Sie werde kleiner werden und sich verändern - hin zu einer Bekenntniskirche, die auf eine offene, moderne Weise Mission betreibt. "In dieser Situation brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Theologie", lautet Witts Botschaft zum Abschied. Gerd Felder

 
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